ALLA FONTE – AN DER QUELLE
Beim Zeichnen verwischen die Grenzen zwischen dem Objekt und mir. Die Stärke und Kraft der Natur übertragen sich auf mich, aber auch ihre Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit. Das Bild, das entsteht, erscheint mir wie ein Ausdruck, den wir gemeinsam geschaffen haben.
In der Serie ‚An der Quelle‘ (2024) entwickelte sich aus einem intensiven ‚Dialog‘ mit einigen Narzissen zu einer zweiten Serie: spontane Bilder von Kind und Mutterleib, vielleicht die intensivsten Erfahrung von Verbundenheit und Symbiose, die ein Mensch (als Kind, als Mutter) machen kann.

‚Die Nymphe Echo konnte nicht in eigenen Worten sprechen, sondern nur die jeweils letzten Worte anderer wiederholen. Dazu hatte die Göttin Juno Echo verbannt, weil diese Liebschaften ihres Gatten Jupiter aufgedeckt hatte. Als Echo sich daraufhin erfolglos in den schönen Jüngling Narziss verliebte, wurde ihr Körper aus Liebeskummer immer magerer, bis ihr Körper sich schließlich vollkommen auflöste. Alles, was blieb, war ihr ‚Echo‘, eine akustische Wiederholung der Worte anderer.
Der Jüngling Narziss dagegen konnte sich nicht in Andere verlieben, sondern nur in sein eigenes Spiegelbild, das er in einer unberührten Quelle (it. fonte) entdeckte – eine visuelle ‚Wiederholung‘ seiner selbst. Denn Narzissus entstammte aus der Verbindung der Nymphe Liriope und des Flussgottes Cephisos, der die Nymphe vergewaltigt hatte. Die Schönheit des jugendlichen Narziss zog alle an, aber es war ihm unmöglich, für andere dasselbe zu empfinden. Als er also einst an einer Quelle saß und sein eigenes Spiegelbild im Wasser entdeckte, verliebt er sich darin. Als er erkannte, dass das Spiegelbild ihn selbst zeigte, konnte er seine Augen dennoch nicht davon abwenden. Schließlich starb Narziss neben der Quelle an unerfüllten Liebe, und an Stelle seines Körpers verblieb dort eine kleine Blume, in der Mitte gelb, mit weißen Blütenblättern (Narzisse).‘
Der Mythos von Narziss und Echo nach Ovid, Metamorphosen, Buch 3,359–510